Die vier Lektionen / Glastonbury 2017 Teil 2

Die vier Lektionen / Glastonbury 2017 Teil 2

Ich sitze in der Frauenkirche auf dem Geländer der Glastobury Abbey und schließe die Augen. Die St. Michaels Leylinie verläuft direkt durch die Kapelle und ich bin gespannt ob ich heute irgendwas wahrnehme. Und plötzlich fangen meine Augen an zu flackern. Ich weiß nicht ob ich eventuell gerade wie eine Besessene wirke, aber es ist eh keiner da, den ich verschrecken könnte. Es flackern Lichter auf und ich öffne die Augen um zu sehen, ob das vielleicht daran liegt, dass sich Sonne und Wolken gerade abwechseln, doch das ist nicht der Fall. Also schließe ich die Augen wieder und das Flackern geht weiter. Es fühlt sich an, als ob ich ein Update vom Universum bekomme das gerade gedownloaded wird. Was genau das für ein Update ist, weiß ich nicht aber es fühlt sich spannend an und so bleibe ich, bis das Flackern langsam weniger wird und ich das Gefühl habe, weiter gehen zu können.

Ich bleibe auf der Leylinie und setze mich auf meinem Platz am Kopf der Abbey. Ich bin nun fast zwei Tage hier und fühle mich als ob ich durchmeditiert hätte und mir wird klar, dass die Spiritualität ein Teil von mir ist, der mir immer wieder hilft, bei mir anzukommen, mir Kraft gibt und mir hilft meine Themen zu bearbeiten und mich somit persönlich weiterzuentwickeln. In den letzten zwei Jahren habe ich diesen Teil ziemlich vernachlässigt und wollte tatsächlich nicht mehr viel davon wissen. Das lag daran, dass ich nach der letzten Glastonbury Reise im Jahr 2014 (der Bericht dazu findet ihr ebenfalls hier), mich von meinem langjährigen Freund getrennt habe und ein Großteil daran lag, dass ich das Gefühl hatte, dies sei für uns beide richtig und wichtig um „weiter zu kommen“. Davon abgesehen gab es auch das ein oder andere was ebenfalls zu der Entscheidung geführt hat. Aber als einen Monat später der schlimmste Liebeskummer kam, den ich je in meinem Leben erlebt hatte, habe ich dieses Ganze „auf sein Herz hören / persönliche & spirituelle Weiterentwicklungs“- Sache ziemlich verflucht und wollte nichts mehr davon wissen.

Klar, ein bisschen Magie war immer in meinem Leben nach wie vor. Aber nach dem großen Schmerz dachte ich wirklich, dass es vielleicht ein bisschen zu viel davon war. Im Nachhinein, wie das immer so ist, kann ich sagen, dass alles genau so kommt wie es soll und alles gut ist, so wie es ist. Und da war ich nun wieder. Nach einem Umweg von zwei Jahren, den ich mittlerweile als genauso wichtig empfinde, denn manchmal lernen wir aus dem Gegenteil was wir wirklich wollen, was uns wichtig ist und was wir eben nicht wollen, bin ich also wieder an dem Punkt wo ich auch meinen spirituellen Teil wieder in mir willkommen heiße.

Erkenntnis 1: Ich verstecke mich und meine Spiritualität nicht länger. Die Menschen um mich herum müssen mich so nehmen wie ich bin und wenn das nicht passt, dann muss ich gehen.

Das hört sich jetzt ein bisschen schlimmer an als es ist oder war. Es ist nicht so als ob mich jemand wirklich gezwungen hat diese Seite zu unterdrücken. Das kam natürlich bereits vor Jahren aus mir selbst. Aber wenn man unter diesen Umständen Menschen kennen lernt, die mit dem Thema nicht wirklich was anfangen können und wenn man sich dann wieder zu sich selbst bewegt, dann birgt das definitiv ein großes Potential an Konflikten und vor allem in Kombination mit der Hochsensibilität zu Unverständnis.

Am Abend gehe ich wieder hoch zum Tor. Heute ist es relativ windig und es ist nicht sehr viel los. Ich setze mich wieder an die Mauer. Mittlerweile habe ich meinen kleinen Platz gefunden. Kurze Zeit später werde ich von einer Frau angesprochen und gefragt, ob ich ein Foto von ihr machen könnte. Im Gegenzug macht sie eines von mir und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt mir davon, am nächsten Tag in die Grotte der weißen Quelle zu gehen um ein Reinigungsritual zu machen. Dieser Ort war bisher immer durch eine Gittertür verschlossen, doch es hat mich immer dort hingezogen. Der 15. Juli, Tag meiner Krebsdiagnose vor sechs Jahren. Der perfekte Tag für ein Reinigungsritual. Also schließe ich mich ihr an und wir verabreden uns für den nächsten Nachmittag.

Am Abend falle ich selig ins Bett mit einer weiteren, großen Erkenntnis. Alle Menschen, die in meinem Leben sein sollen, werden auch in meinem Leben sein und ich kann nicht dagegen und muss nichts dafür tun. Dass ich Lolita wenige Stunden zuvor auf dem Tor kennen gelernt und dadurch nun die Möglichkeit habe, an meinem besonderen Tag etwas ganz Besonderes zu machen, gibt mir ein unfassbares Vertrauen in diese Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die eine große Entspannung mit sich bringt. Nämlich die, nichts tun zu müssen außer mich dem Fluss des Lebens hinzugeben und zu vertrauen.

Samstag, 15. Juli 2017. Der Tag ist trüb, es regenet immer wieder und die Temperaturen sind so bei 15°. Das Wasser in der Grotte soll um und bei 11° haben. Wenn der Unterschied nicht so extrem ist, wird es bestimmt nicht so schlimm werden, denke ich. Trotzdem, ich bin mega aufgeregt und hoffe, dass es nicht allzu schlimm wird. Als der Eingang zur Grotte geöffnet wird, gehen wir erstmal ein paar Stufen nach unten. Es riecht nach feuchten Steinen, einen Geruch den ich schon in den Bergen so geliebt habe. Überall sind Kerzen und Blumen und es dauert ein wenig bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Es gibt zwei Hauptecken, kleine Altare, in den entgegengesetzten Ecken. Wir gehen direkt zu der Ecke, in der ein Bild von Bridget aufgestellt ist. Später stelle ich fest, dass in der anderen Ecke der Hirschkönig ist. Aber der kleine Gang, in dem wir sind, an dessen Seiten jeweils kleine Bänke zum Sitzen sind, scheint vermehrt von den Frauen genutzt zu werden. Wir schließen die Augen, sprechen ein paar Dankesgebete im Geiste und insbesondere ich für meinen Teil versuche mich zu entspannen. Dann öffnen wir die Augen und Lolita fragt mich, ob ich bereit bin: ja, das bin ich.

Wir legen unsere Kleider ab und auch wenn dort noch andere Menschen sind, macht es mir nichts aus nackt dort zu sein. Dieser Ort fühlt sich so heilig und sicher an und außerdem ist es eh mehr als halb dunkel. Es gibt ein großes Steinbecken das mittig im Raum steht. Hinten links ist ein Becken, in das das Wasser aus der Wand läuft, von dort geht es in ein tieferes Becken weiter vorne und von dort dann in das große Becken in der Mitte. Lolita geht vor und hoch zu dem ersten Becken. Ich gehöre wahrscheinlich zu den weniger kälteempfindlichen Menschen was auch gerade Wasser anbetrifft, aber als ich bis zum Bauchnabel im Wasser stehe, fällt mir das Atmen schon schwer. Lolita geht noch einen Schritt tiefer und taucht pllötzlich unter. Dann muss ich wohl jetzt auch. Es ist witzig wie viel man in der Lage ist auszublenden wenn man nicht nachdenkt und einfach sagt „Alles klar, das mach ich jetzt einfach – nicht denken, machen!“. Also gehe auch ich einen Schritt tiefer zu der Stelle wo gerade eben noch Lolita stand, halte den Atem an und lasse ich fallen.

Als ich wenige Sekunden später auftauche, bin ich erfüllt von Adrenalin und wir fallen uns lachend in die Arme und bedanken uns bei uns gegenseitig. Hätte sie mich nicht mitgenommen, wäre ich nicht hier und wäre ich nicht hier, so sagt sie, hätte sie es alleine wahrscheinlich nicht gemacht. Nachdem wir uns wieder angezogen haben, gehen wir erneut zu Bridget, bedanken uns und gehen wieder hinaus.

Lolita macht sie auf den Weg nach Hause. Sie hat eine dreistündige Fahrt vor sich. Ich fühle mich so glücklich, aufgedreht und gleichzeitig ruhig, dass ich Tränen in den Augen habe. Gleichzeitig werde ich etwas wehmütig, da morgen bereits mein letzter Tag hier ist und ich das Gefühl habe, sowas könnte ich auch jede Woche machen. Wie schön wäre es, sich täglich Wasser von der Quelle zu holen, wie es viele Leute dort in der Gegend machen. Zum Sonnenuntergang oder Aufgang hoch zum Tor zu gehen, die magische Atmosphäre des Ortes an dem sich in mir so viel sortiert und zurecht rückt noch länger aufnehmen zu können. Wenn man bereits nach knapp drei Tagen so bei sich ankommt, was würde passieren, wenn man länger an diesem Ort bleibt?

An diesem Tag wechsle ich die Unterkunft und es geht in mein geliebtes Haydn House, in dem ich bereits vor drei Jahren war und in dessen Energie und Besitzer ich mich direkt verliebt habe. Leider war die Unterkunft erst an diesem Tag wieder frei und so hatte ich nur zwei Nächte dort. Dort angekommen ruhe ich mich etwas aus, mache mich dann fertig und gehe mit mir etwas essen. Als Abschluss des Tages, geht es dann noch mal hoch zum Tor und langsam klart das Wetter etwas auf. Langsam schleicht sich eine weitere Erkenntnis ein. Ich bin müde von dem Drama in meinem Leben. Müde von meinem inneren Kind, dass in letzter Zeit so oft bockig oder sauer war, müde von den alten Gefühlen und den Verhaltensmustern die ich mir als Kind angeeignet habe und ich beschließe, damit ist nun Schluss.

Als ich mich wieder auf dem Weg zum Haydn House mache, verweile ich noch auf der letzten Bank die am Fuße des Tors steht, etwas erhöht, so dass man noch über die Stadt schauen kann und bin einfach nur glücklich und dankbar für dieses Leben.

Letzte Tage fühlen sich für mich immer etwas unruhig an und ich versuche, noch mal so viel es geht mitzunehmen von der magischen, heilenden Energie des Ortes. Ich gehe am Vormittag wieder in die Abbey, setze mich diesmal aber nicht an die Stelle, an der ich sonst war, sonder um den Altar bzw. den Bereich, an dem früher der Altar gewesen ist. Und es ist echt spannend, was passiert wenn man mal auf seine Gefühle hört. Ich setze mich, schließe die Augen und habe wieder das Gefühl ein Update zu bekommen. Als ich die Augen wieder öffne ist mir auf eine entspannte Art ziemlich schwummrig, als ob ich gerade aus einem Tiefschlaf erwacht bin. Neben mir steht nun ein Mann, der sich nach einem kurzen Gespräch zu mir setzt und wir meditieren eine Runge zusammen. Es fängt leicht an zu nieseln, doch es fühlt sich erneut an wie eine Reinigung und außerdem hab ich als Norddeutsche eh kein Problem damit nass vom Regen zu werden.

Heute wandere ich noch ein wenig in der Abbey hin und her und verweile schließlich lange unter einem Baum, da der Regen nun doch etwas stärker geworden ist. Schließlich verabschiede ich mich und gehe ein letztes Mal auf den Tor. Mir fallen einige humpelnde Schafe auf, denn aktuell sind auf dem ganzen Berg unzählige Schafe. Am liebsten würde ich ihnen helfen und hoffe, dass es jemanden gibt der sich um sie kümmert. Auf dem Weg nach unten verabschiede ich mich auch von den Schafen und frage mich plötzlich ob die zum Essen hier sind. Nicht die Schafe das Gras, sondern für uns Menschen. Mein Mitgefühl war eh bereits geweckt und der Gedanke, dass diese niedlichen Schafe eventuell irgendwann geschlachtet werden, hat plötzlich wieder den Schalter umgelegt, den ich vor drei Jahren ebenfalls umgeswitched hatte. Und zwar damals von Mitgefühl zu Ignoranz.

Tatsächlich war genau das der Moment, in dem ich die Entscheidung traf, keine Tiere mehr zu essen. Wie kann ich auch mit ruhigem Gewissen Lebewesen essen, die ebenso fühlen und ein Schmerzempfinden habe wie wir und die bestimmt alles andere als geschlachtet werden wollen. Also gab ich den Schafen ein Versprechen und somit allen anderen Tieren „ich werde euch nicht mehr essen.“. Und um es mit den Worten der Haie von findet Nemo zu sagen… nun ja, ein wenig angepasst „Tiere sind Freunde, kein Futter.“.

Nachdem ich den Rest des Tages noch ein wenig in der Stadt verbrachte, ging ich schließlich zurück zum Haydn House und machte mir einen entspannten Abend. Wenn ich Orte oder Menschen verlasse, die mir wichtig sind, merke ich ab einem bestimmten Zeitpunkt wie in mir die Schotten dicht machen und ich umswitche auf „ok, das wars jetzt, tschüss.“. Ich bin nämlich ziemlich schlecht im Abschied nehmen und habe da quasi einen Schutzmechanismus aufgebaut, der mal mehr mal weniger gut funktioniert. Und mit Glastonbury geht es mir ganz genau so. Ich möchte nicht gehen, möchte mich noch tiefer in die Spiritualität und meiner Entwicklung, in mein Heil werden begeben und noch länger diese unfassbare Herzenergie aufnehmen.

Es ist kurz nach fünf am Montag morgen. Mein Bus nach London fährt um kurz nach sechs ab. Es ist ein wunderschöner morgen, mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein. Auf dem Tisch im Esszimmer steht ein Lunch Paket das mir Sharon, die Besitzerin des Hauses, extra für die Reise gepackt hat. Ich trage mich ins Gästebuch ein und blättere weit nach vorne. Genau genommen drei Jahre in die Vergangenheit. Und dort finde ich mich wieder. Dort hat sich Vergangeheits Julia 2014 bei ihrem ersten Besuch eingetragen. Recht schlicht, nur mit Name und eMail Adresse. Liebevoll denke ich an die Zeit zurück, an alles was passiert ist und sage mir „Das hast du gut gemacht mein Mädchen.“. Dann nehme ich meine Sachen, trete in den Sonnenschein und schließe die Tür hinter mir.

 

 

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