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Zu Hause in der Fremde

In 15 Tagen werde ich meine zwei Koffer nehmen, denn das wird so ziemlich alles sein was ich bis dahin noch besitzen werden, zum Flughafen fahren und nach Glastonbury fliegen. Ob ich wieder komme oder nicht, weiß ich nicht. Ich höre oft, wie mutig ich sei. Ich empfinde das nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich nicht täglich in den Moment katapultiere, wenn die obligatorischen zwei Urlaubswochen rum sind und ich plötzlich realisiere „Scheiße, was war das denn gerade für ne Aktion.“. Wenn ich das tue, geht mir der Arsch ein bisschen auf Grundeis und mein Körper fährt Achterbahn. Das überwiegende Gefühl ist aber das selbe wie damals, als ich von zu Hause ausgezogen bin um alleine nach Hamburg zu gehen. In die große Stadt, weit weg von der Familie, auf mich allein gestellt und ohne jemanden dort zu kennen. Es fühlt sich aufregend an. So viel Neues, so viele Unsicherheiten wie was wird und ganz viel Hoffnung in das Potential der Zukunft.

Damals hat diese Erfahrung mich stärker und selbstsicherer gemacht und ich war so stolz auf mich, mein Leben mehr oder weniger gut, aber immerhin alleine gewuppt zu bekommen. Ich bin dann mehrmals umgezogen. 15 Mal wenn mich nicht alles täuscht und selbst ich mache mittlerweile Witze darüber, wie ein Zigeuner zu sein, der es nicht länger als ein Jahr irgendwo aushält und sich doch besser einen Wohnwagen kaufen sollte. Trotzdem frage ich mich, was mein Antrieb ist mich immer wieder zu bewegen. Eine meiner Schwestern hat kürzlich zu mir gesagt, sie kennt niemanden der so viel positive Energie aus Neuanfängen zieht. Woher kommt das? Ist das gut oder schlecht? Muss man es überhaupt bewerten? Neugierig bin ich schon.

Auf der einen Seite ist das in Zeiten von #bohemianlifestyle und #freespirit natürlich ziemlich cool, frei und beeindruckend. Auf der anderen Seite komme ich auch aus einer Großfamillie und frage mich: „Was stimmt denn nicht mir mir?…. mal wieder.“. Ich hatte gestern ein inspirierendes Gespräch mit einer Freundin und ich sagte irgendwann „Ich habe mich nie dazugehörig gefühlt.“ und ihre Antwort war, vielleicht sei das Gefühl fremd zu sein das, was sich für mich nach zu Hause anfühlt, nach dem Motto „Das kenn ich, da weiß ich wie meine Rolle ist.“. Ein spannender Gedanke der auf jeden Fall mit mir resoniert hat. Ich suche also immer und immer wieder die Erfahrung fremd zu sein, da ich das quasi seit meiner frühsten Kindheit kenne und es mich an zu Hause erinnert. Und fremd ist man am einfachsten wenn man irgendwo neu ist. Logisch.

Das Leben ist aber so komplex, dass ich das Gefühl habe, es ist oft nicht nur eine Sache oder eine Situation die zu einem Verhaltensmuster, einer Blockade oder einem Glaubenssatz führt sondern eine Kombination. Spielen vielleicht auch alte Leben, woran ich persönlich glaube, eine Rolle? Ich habe bisher noch nie eine Rückführung gemacht, auch wenn es mich sehr interessieren würde. Allerdings habe ich bereits die Erfahrung gemacht an Orte zu kommen die in mir eine starke Reaktion auslösen oder Menschen kennen zu lernen, mit denen man auf Anhieb eine besondere Verbindung hat die nicht einfach so aufhört oder zu erklären ist. Kann es also wirklich sein, dass ich vielleicht in einem früheren Leben eine umherwandernde Hexe oder ein Waldläufer war und gewisse Anteile mit in dieses Leben genommen habe?

Ein anderer Aspekt der mir dazu in den Sinn kommt ist, dass ich es extrem wichtig finde auf sein Herz, seine Inutition zu hören und das zu machen, was sich richtig anfühlt. Ich glaube ich habe mich zu einem gewissen Grad immer ein wenig eingesperrt und nicht ganz wie ich selbst gefühlt, wobei letzteres einem permanenten Wandel unterliegt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich, als ich zu Hause ausgezogen war, das Gefühl hatte mehr und mehr ich selbst zu sein da ich mich in gewisser Maßen nun keinem (Familien) System mehr unterordnen musste. Irgendwie haben wir doch alle unsere Rollen in unserer Familie und es ist schwer sich daraus zu lösen. Das schwarze Schaf hat also festgestellt, dass es noch andere schwarze Schafe gibt und es nicht versuchen muss weiß zu sein. Da muss ich gerade daran denken, dass ich tatsächlich immer blond sein und helle Augen haben wollte, vielleicht liegt auch dies daran, dass ich mich dadurch mehr dazu gehörig fühlen wollte, da ich die einzige mit dunklen Haaren und dunklen Augen in der Familie bin.

Dazu kommt, dass ich daran glaube, dass das Leben magischer ist als die meisten Menschen denken, dass ich das Gefühl habe, mich durch dieses Abenteuer wieder enorm weiter entwickeln zu können und ich vielleicht auch ein bisschen dem Zauber hinterher jage, der jedem Neubeginn inne wohnt. Ich weiß nicht wie alle Anteile prozentual verteilt sind und ob es eventuell noch versteckte Anteile gibt und ich glaube ein großer Teil von mir denkt, er hätte ein Problem weil er nicht so ist wie der Großteil der Gesellschaft. Fakt ist, mir ist bewusst, dass alles Vor- und Nachteile hat. Das, nenne ich es mal „klassische Leben“ mit Heirat, Kind, Hausbau etc. bis hin zum freien Einzelgänger der von Ort zu Ort reist. Vielleicht ist weder das eine gut / richtig oder schlecht /falsch sondern es sind einfach alles andere Lebensmodelle die uns gewisse Erfahrungen bringen oder eben nicht bringen.

Ich glaube daran, dass die Seele sich einen Plan macht bevor sie inkarniert und das Erfahrungen in der Kindheit dazu dienen, diesen Plan zu leben. So mag es vielleicht sein, dass ich durch die Erfahrung des sich fremd fühlens und das sich dies gewohnt anfühlt einen Knacks abbekommen habe. Aber dieser Knacks erlaubt es mir auch so wunderschöne, intensive und aufregende Erfahrungen zu machen, da ich keine Angst vor der Fremde habe. So lange ich also kein echtes Problem damit habe, z.B. dass es mir mit diesem Lifestyle schlecht geht weil ich eigentlich gerne sesshaft werden und eine Familie gründen möchte, habe ich beschlossen nicht mehr von „meiner Störung“ zu reden sondern die Auslöser und diese Art generell als Geschenk zu sehen und anzunehmen.

Text: Julia Sieckmann

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Comments:

  • November 9, 2017

    Das ist wirklich ein wunderschöner Gedankenansatz, den ich gerade wirklich sehr gut nachempfinden kann. Auch ich war und bin immer etwas anders als die anderen und habe auch lange gedacht, dass mit mir einfach irgendwas nicht stimmt. Ganz weg ist dieser Gedankenansatz nicht, mit anderen Menschen komm ich zwischendurch immer noch nicht wirklich zurecht. Aber das zu lesen gibt mir wieder einen Schubs in die richtige Richtung. Danke dir dafür! ♥

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